nudismus

Nackt herumlaufen bedeutet in erster Linie, dass das Geschlechtsorgan nicht bedeckt ist. Dies ist die äußerste Variante des unbedeckt Seins. Andere Körperteile können aber viel Nacktheit suggerieren.

 

Da die Kultur oder Subkultur vorschreibt, wie man sich kleiden sollte, kann bereits eine kleine Abweichung hiervon von anderen als spannend oder störend erfahren werden und kann dies zu Kommentar oder Schlimmerem führen. Ein Soldat, dessen Krawatte schief sitzt, kann vom Sergeant zu hören bekommen, dass er „nackt“ herum läuft. Bei feierlichen Anlässen wie zum Beispiel einer Hochzeit und einem Begräbnis trägt man im Allgemeinen bedeckende Kleidung, auch auf dem Kopf. Eine kurze Hose kann in einem Büro, in dem hieran nicht gewöhnt ist, zu Stirnrunzeln führen. Touristen, die leicht bekleidet in südlichen Ländern herumlaufen wollen, werden von ihrem Reisebüro hören, dass sie sich davon bewusst sein müssen, dass dies in der ansässigen Kultur nicht geschätzt wird. Für Menschen, die nackt herumlaufen  oder schwimmen wollen, gibt es am Strand extra angewiesene, abgelegene Abschnitte. Dies sind nur einige Beispiele.

 

Kopfbedeckung

Bekannt sind Kopftuch, Schleier oder Burka ( komplette Bedeckung mit Gaze vor den Augen), welche in streng religiösen, vor allem islamitischen Kreisen, für Frauen vorgeschrieben sind (nicht nur von den Männern, sondern auch von den Frauen selbst). Der Schleier bei Hochzeiten und  Begräbnissen im Westen ist ein Rest dieser Praxis. (Siehe auch Hochzeitsrituale)
Auch bei christlichen und jüdischen Fundamentalisten sieht man Kleidungsvorschriften, die dafür sorgen sollen, dass sexuelle Lustgefühle – denn darum geht es – soviel wie möglich begrenzt und beherrscht werden und man ihnen entgegentritt.
Die Bedeckung des Kopfes oder Gesichts der Frau in der Öffentlichkeit ist aus 2 Gründen ein typisch sexuelles Phänomen: es betrifft nur Frauen (Geschlechtsdiskriminierung) und es handelt sich um sexuelle Reize. Je weniger Blöße man von der Frau sieht, so denkt man, je weniger der Mann sexuell gereizt wird. Die Bedeckung erhöht, so sagt man, den Respekt vor der Frau. Die formlosen, in große dunkle Kleidung und Kopftuch gehüllten Frauen sind in erster Linie auch alles andere als attraktiv – sicher, wenn man sie mit einem blonden holländischen Mädel im Minirock auf dem Fahrrad vergleicht.

 

Kultur

Auf der anderen Seite kann man durch eine Kultur so geformt werden, dass auch die bedeckende Kleidung den Gedanken an Nacktheit hervorrufen kann. Die Kleidung fungiert dann als Fetisch. Eine östliche junge Frau kann mit ihren Augen unter dem Kopftuch noch flirten. Darum sind bei der strengsten Form der Bedeckung, der Burka, auch die Augen mit Gaze bedeckt.
Jemand aus dem Westen findet weibliche Schönheit im Allgemeinen auch dann am attraktivsten und anziehend, wenn Kleidung getragen wird. So hat sich die Modeindustrie entwickelt. Die Frauenkleidung dient dazu, die sexuelle Attraktivität zu betonen oder zu vergrößern. Die Mode ändert sich jedes Jahr, ist eine Form von Kunst, sie hält die Bekleidungsindustrie am Leben und befriedigt die Kauflust und das Bedürfnis an Variation der Frauen.
Dies gilt im Prinzip für alle Frauen auf der Welt, aber nur im Westen ist die Ausstellung der weiblichen, sexuellen Attraktivität in den letzten 200 Jahren in der Öffentlichkeit so stark weiterentwickelt durch die sexuelle Reform, welche wir als „Modernisierung“ bezeichnen. Bis vor kurzem gab es hier auch öffentliche Werbung für Unterwäsche – sexuelle am meisten erregend. Dagegen gab es immer mehr Proteste von christlichen Fundamentalisten und dem Feminismus, welche die Bilder von halbnackten Schönheiten als Beleidigung der Frau betrachten. Sie ähneln hierin also eigentlich den Moslemfundamentalisten.

Der vollständig nackte Körper fehlt in der Öffentlichkeit nahezu vollständig. Auch in der kleinsten Öffentlichkeit, im Kreis der Familie in der Wohnung, ist das Geschlechtsorgan meist tabu. In den letzten 100 Jahren gab es immer mehr Menschen, die der Meinung waren, dass es gut sei, um die Scham vor dem nackten Körper zu verlieren und die ihre Kinder auch so erzogen haben, dass falsche Scham zu nichts gut ist. Ihre Zahl ist jedoch begrenzt. Es gibt es etwas in der Familie selbst, dass die Mitglieder davon abhält, sich voreinander nackt zu zeigen. Wahrscheinlich steckt eine tiefe angst vor Inzest dahinter.

 

Naturismus

Zum Teil ist der Nudismus mit einer Theorie über Mensch und Gesellschaft und die Auffassung, wie man am besten leben kann, verbunden. Diese Ideologie ist als „Naturismus“ bekannt. Anhänger hiervon wollen der Schönheit und Gesundheit, ja sogar der Reinheit der Natur einen Platz gegenüber der Künstlichkeit, Größe, Verschmutzung und den Gefahren der industriellen Welt, in der wir leben, geben. Der nackte Mensch ist ein Symbol für Einfachheit, gesunden Lebensstil, Natur- und Tierfreundlichkeit. Man probiert dies auch in der Praxis umzusetzen. Naturisten haben sich in Vereinigungen organisiert und verbringen ihren Urlaub auf Naturistengeländen, abgesondert von der restlichen Welt. Dass das Nacktsein eine gesellschaftliche Bedeutung hat, wissen sie, aber das nackt herumlaufen in der Öffentlichkeit weisen sie ab.

 

Sexuelle Revolution

In den 70er Jahren entstand in der sexuellen Revolution der Gedanke, dass Nacktsein überall, vor allem am Strand und in Erholungsgebieten, möglich sein müsste. Im Film von Bert Haanstra über die Niederlande hatte man eine Szene gesehen, in der jemand unter einem Handtuch versteckt händeringend probiert, sich einen Badeanzug an- und auszuziehen. Alle fanden dies lustig, auch fühlte man selber die gleiche Scham. Einige Wegbereiter zeigten sich nackt am Strand und wurden von der Polizei festgenommen, da sie ein Sittendelikt begingen. Hierunter befanden sich auch Mädchen ohne Oberteil. Als sie dies durchhielten, gab es eine Besprechung von Polizei, Justiz, Tourismusbranche und der Stadtverwaltung. Daraus entwickelte sich nach einigen Jahren die Gesetzgebung, die das Einrichten von aparten Nacktstränden durch die Stadtverwaltung regelte. Die Strände wurden mit Schildern in 4 Sprachen angegeben: FKK (Frei Körper Kultur), „nudist beach“, „plage naturiste“ und „naaktstrand“. Ein typisches Beispiel von toleranter Repression. Die Folge dieser Apartheid war eine unnötige Trennung zwischen „Nacktherumlaufenden“ und “normalen Menschen“. Derjenige, der nun nackt auf einem Textilstrand liegt, wird nicht mehr als Held der Befreiung betrachtet, sondern als asozial, als jemand ohne Werte und Normen, jemand, gegen den man als Bürger auftreten muss.

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