polyamorie

Sexuelles Verlangen gibt es das ganze Leben lang. Auch verheiratete Menschen, die Kinder haben, haben manchmal das Verlangen nach einer neuen Liebe. Wenn sie sich auf die Phantasie, Tagträume und Masturbieren beschränken, merkt hiervon meist niemand etwas. Wenn sie es praktisch ausüben mit einer dritten Partei, dann gibt es dafür verschiedene Ausdrücke: 

 

  • stark missbilligend: Betrügen, Untreue, wie eine Hure handeln
  • spielerisch missbilligend: neben die Toilette pillern, eine Seitensprung machen, fremdgehen
  • mehr oder weniger neutral: aussereheliche Beziehung, Polygamie, Polyandrie, Liebhaberin, Nebenfrau, Liebhaber haben, Partnertausch, swingen
  • positiv: offen Ehe, freie Liebe, Polyamorie

 

Polyamorie ist positiv

Polyamorie gehört also zu den positiven Betrachtungsweisen der Tatsache, mehr al seine Liebesbeziehung zu haben. Der Unterschied zu einer “offenen Ehe” ist, dass es dabei v.a. darum geht, einander Freiraum zu geben auf dem Gebiet von Arbeit, Urlaub, Hobbys und Bekannten (man muss nicht immer alles gemeinsam machen). Bei Polyamorie geht es auch um eine Liebesbeziehung, bei der sexuelles Verlangen die Basis bildet.
Der Unterschied zwischen Polyamorie und freier Liebe ist, dass die Idee freier Liebe sehr idealistisch ist und zu hoch gegriffen für diese Zielgruppe der Eheleute mit einer Familie.

 

Polyamorie ist praktisch

Polyamorie möchte praktisch sein. Wie bekommt man es hin, verheiratet zu bleiben, für Kinder zu sorgen, mit dem festen Partner eine gute Beziehung zu haben und gleichzeitig eine neue, glücklich machende, anreichernde Beziehung mit einem anderen, wertvollen Person zu haben? Wie organisiert man das? Was gehört da an Gefühlen bei dir selbst, deinem Partner und der dritten Person dazu? Wieviel Zeit muss man investieren um Bosheit und Kummer, Verlassensangst, Eifersucht und Neid zu überwinden? Und denke auch an die Schuldgefühle, wenn du so erzogen bist, dass das als Ehebruch und Untreue angesehen wird.
Polyamorie ist ein typisches (ich finde unglückliches) ausgedachtes Wort. Es lehnt sich ans Französische an durch die Endung, aber “poly” erinnert an Griechisch und amor (Liebe) an Latein. Hm…was für ein Durcheinander. Es ist aber gut gemeint und die Anhänger sind tolerant.

 

Polyamorie ist tolerant

Polyamorie ist nicht für jeden, so sagen ihre Anhänger. Für manche ist es besser, fremd zu gehen (ohne den Partner einzuweihen) oder zu swingen (mit anderen Paaren zusammen Sex haben, aber Liebe ist verboten). Wer kann Bedürfnis nach Dritten hat, braucht nicht mitzumachen. Bei Polyamorie muss man bestimmten Anforderungen entsprechen, die nicht jeder hat.
Möchtest du Polyamorie ausführen, dann musst du dich selbst lieb haben, wissen, was du willst, eigene Entscheidungen fallen können, deinen Partner akzeptieren so wie er ist. Du musst verstehen können, wie andere Menschen reagieren. Eifersucht und Bosheit sind normal, die solltest du nicht missbilligen, sondern geduldig akteptieren und langsam angleichen indem du viel Liebe gibst.
Aber auch viele praktische Dinge musst du regeln können. Viele Menschen sind durcheinander wenn sie verliebt sind, was dann zu unvernünftigem, lästigem Verhalten führt und oft etwas beendet, was sehr schön hätte werden können.
Lass das nicht zu. Treffe Vereinbarungen und halte dich daran, das ist wichtig. Menschen müssen einander vertrauen können, dann können sie auch viel akteptieren.

 

Für wen ist Polyamorie?

Gewisse Eigenschaften sind wichtig, so wie Talent für intime Beziehungen, gut entwickelte interpersonelle Fertigkeiten, an persönlichem und spirituellem Wachstum arbeiten wollen. Ein bisschen “Spiritualität” gehört dazu, denn du bist ein besser ausgebildeter Bürger, der nicht mehr in die Kirche geht, aber gerne an etwas glaubt um nicht  in dem materialistischen und sinnlosen Arbeitsleben zu ertrinken.
Die schöne Seite der Polyamorie ist deutlich: du hast eine seriöse Beziehung mit jemanden oder bist offen dafür. Dein Partner ist dabei und hat die gleiche Haltung. Es handelt sich nicht um Betrug, Untreue, heimliche, mit Schuld beladene Eskapaden, die, wenn sie raus kommen, zu Kummer, Wut, Streit, Scheidung und manchmal (Selbst)Mord führen.

 

Vorteile der Polyamorie

Man braucht nur in der Weltliteratur zu lesen um zu sehen, welche grosse und kleine emotionelle Dramen sich bei Verheirateten vortun können, die v.a. ein Gefühl von Mitleid hervorrufen, dadurch dass Menschen so beschränkt sind in ihrem Liebesleben, obwohl sie gerade so sehr nach Liebe verlangen.
Ein extra Partner bedeutet einen extra Freund/eine extra Freundin, eine extra Person, mit der man etwas machen kann, was man noch nicht eher gemacht hat, jemand, von dem man etwas lernen kann, für den man selber etwas tun kann. Jemand, der mehr ist als bloss ein Bekannter. Jemand, den man liebt und der als Partner immer da ist.
Polyamorie ist die praktische Anwendung von “freier Liebe” für erwachsene, verheiratete Menschen mit Kindern, die die Lüste des Fremdgehens geniessen und die Nachteile davon so weit wie möglich begrenzen.

 

Polyamorie ist nicht das Ende

Ganz frei ist die Liebe natürlich noch nicht. Bei der Polyamorie handelt es sich um eine begrenzte Gruppe meist weisser, westlicher “Middle-Class”-Menschen mit einer festen Beziehung und (oft) einer Familie. Ob das zu freier Liebe von jedem und für jeden führt, das kann man bezweifeln. Für die freie Liebe (ein Ausdruck, den ich besser finde) ist nämlich eine weitere sexuelle Reform notwendig. Das beinhaltet, dass wir die bestehenden Strukturen von Ehe und Familie durchbrechen, sodas Menschen viel früher in ihrem Leben lernen können, freier mit dem sexuellen Verlangen als Basis der Liebe umzugehen.

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