romantischeliebe

Es wurde so viel über Liebe geschrieben und gesprochen, dass so manch einer darüber keine Worte mehr verlieren will. “Erlöse uns von der Liebe”, schrieb Suzanne Bröger bereits vor 30 Jahren in ihrem Buch, dass voll Protest gegen romantische Liebe und die monogame Ehe war.

 

Es hat nicht geholfen. Die romantische Liebe – diese Mischung aus sexuellem Verlangen und Ausgerichtetsein auf eine Person – gehört zu den intensivsten Erfahrungen, die wir Menschen kennen. In der frühen Jugend kommt sie meist nur von einer Seite und wird sie geheim gehalten. Es bildet sich aber bereits dann ein Muster, dass bei jeder Verliebtheit starker wird. Das süsse Verlangen und das gebrochene Herz liegen nah beieinander. Wenn die Erfüllung, die wir als Sex bezeichnen, dazukommt, sind wir schon recht alt. Dann zeigt sich neben der gegenseitigen Anziehung auch ein wesentlicher Unterschied hinsichtlich der Interessen zwischen den Geschlechtern: der Junge möchte jedes Mädchen lieb haben, um ihn sie eindringen zu können, das Mädchen muss aus dem grossen Angebot einen geschickten Kandidaten auswählen, den sie für sich gewinnen muss sodas der Sex letztendlich zu Mutterschaft und Familiengründung führt. Was sich in der Mikrowelt von Eizelle und Samenzelle abspielt, wiederholt sich vergössert auf dem Niveau des Organismus’. Die sexuelle Reform hat dieses Natursystem in den letzten 200 Jahren verändert. Es existiert aber grösstenteils noch und wird auch von der Kultur getragen.

 

Romantik

Wir benutzen den Term “romantische” Liebe, da dieser seit der Romantik, also seit ca. 200 Jahren, eine ernsthafte Rolle in unserer Kultur spielt. In seinem vor kurzem erschienenen Buch “Die romantische Ordnung beschreibt Maarten Doorman wie die westliche Welt u 1800 herum eine weit reichende Revolution erlebte, die bis heute unser Tun und Denken beeinflusst. Laut Doorman ist Romantik mehr als ein Dinner für 2 bei Kerzenlicht. Er koppelt Romantik an Liebe für die Natur, überschätzte Künstler, Respekt und Angst vor der Wissenschaft, Nationalismus und Obsession an Sexualität.
Was er nicht beleuchtet ist, dass die Romantik als erste sexuelle Revolution positiven Einfluss auf das Interesse, das man für gute sexuelle Beziehungen hatte und für Liebe als Bedingung für die Ehe und das Familienleben. Verliebtheit, Geschlechterverteilung, Ehe und Familie, also auch Engstirnigkeit, Unrecht, Konventionen und menschliches Versagen bildeten die Basis des Romans, der neuen (im englischen “novel” genannten) literären Form für alle.

 

Kritik

Von Beginn an wurde die Romantik auch mit Skepsis und Kritik betrachtet. Ein etwas kritischer Bürger ärgerte sich vor 100 Jahren an den Groschenromanen. Einige äusserten Kritik auf Grund der sexuellen Erregung und der unkeuschen Gedanken, die solche Erzählungen –  wie prüde dann auch formuliert – bei Mädchen hervorriefen. Andere sahen eine Gefahr eher darin, dass eine ganz falsche Vorstellung von Liebesbeziehungen entstand mit Treue und Eheglück.
Viel hat sich diesbezüglich nicht verändert.. Kritische Menschen ärgern sich immer noch an sentimentalen Lügen, Märchenhochzeiten, glücklichen Schwangerschaften und Familienglück der königlichen Familie und anderer berühmter Leute, womit die Klatschzeitschriften in Millionenauflage gefülllt werden. Die Romantik wird kommerziell ausgebeutet in Filmen und Werbung und treibt laut Moralisten die sexuellen Leidenschaften in Kombination mit dem Wunsch nach Reichtum, Macht und Ruhm an. Andere betonen die Unechtheit der Welt, die in Zeitschriften, Werbung, Spielfilmen, Shows und Soaps kreiert werden. Oft wissen sie jedoch nicht, was sie dem entgegen setzen sollen ausser einem Ruf nach “Echtheit” und danach, “sich selber zu sein”, was laut Maarten Doorman auch eigentlich wieder ein typischer Ausdruck von Romantik ist.

 

Intensive Erfahrung

Tatsache bleibt, dass für die meisten Menschen, auch für die Moralapostel, die romantische Liebe die intensivste Erfahrung ihres Lebens ist. Für die beiden “Hauptdarsteller” ist es ein Himmel auf Erden. Das Ausschliessen von anderen ist aber auch eine Form assozialen Verhaltens, ein “egoisme a deux”, das bei Aussenstehenden viel Leid verursachen kann. Heiraten und Kinder bekommen sind die sicherste Art und Weise um die romantische Liebe zu beenden. Das Mädchen findet ihre wahre Berufung und ihr Lebensglück in der Mutterschaft (auch wenn sie nebenbei arbeitet) und der Junge sucht seinen Weg wieder in der Aussenwelt durch Wettbewerb, Leistung, Geld und Macht (auch wenn er zuhause beim Abwaschen hilft). Bindung und Sorge dominieren die Beziehung wieder, so wie es bereits in der eigenen Kindheit war.
Nach einigen Jahren Eheleben bildet sich das Verlangen nach einer neuen romantischen Liebe. Die Weise, wie man damit umgeht, ist eins der Basisthemen der sexuellen Reform gewesen und geblieben. Unverständliche Partnerwahl, sexuelle Probleme, Konflikte und Streitigkeiten, gezwungenes Zusammenziehen, Mangel an Individualität und Bewegungsfreiheit, ungleich verteilte Sorge für die Kinder und für das Einkommen, Langeweile, Gewalt, all das bildet zu seiner Zeit für alle Verheirateten und für einige auch immer ein sehr bewusst erfahrenes glanzloses Elend.

 

Verbesserung

Die sexuelle Reform hat dies verbessert. Auf der einen Seite wurde z.B. die Scheidung leichter gemacht, Ehebruch aus dem Strafgesetzbuch entfernt, führte Verhütung zu weniger Zwangsehen und entscheiden sich viele durch die Kritik an der Ehe erst dazu, zusammen zu wohnen bevor sie heirateten. Auf der anderen Seite tat man alles, um die Qualität des Ehelebens zu verbessern. Durch den Kinderwunsch blieb die “gute Ehe” ein selbstverständliches Ideal. Vomn der “Vollkommenen Ehe” (1924) des Gynäkologen Theo van der Velde hin zu den aktuellen Büchern von unter anderem Hannie van Rijsingen () steht das Fördern des Eheglücks im Mittelpunkt. “Echte Liebe ist ein Tu-Wort”, sagt der Sexologe, “Liebe bedeutet balancieren”, schreibt die “Libelle”. Kurz gesagt: man muss etwas dafür tun, damit die Ehe gut läuft. Auch die Industrie von Medikamenten, Hilfsmitteln und Dessous’ möchte dabei helfen, dass die Beziehung spannend bleibt.

 

Bis zum Tod

Wenn das bis zum 45. Lebensjahr klappt, warum dann nicht auch bis zum Tod? Lust und Liebe kenne doch kein Alter? Das Problem ist, dass wenn man erst einmal das Positive von romantischer Liebe erlebt hat, diesen alles erfüllenden, erhebenden, glücksbringenden, gesundheitsfördernden, egostreichelnden siebten Himmel, dann wird man immer danach verlangen. Und das wesentlichste der romantischen Liebe ist die sexuelle Begegnung mit dem Unbekannten, dem Fremden, dem Neuen. Die Ehe kann das nicht bieten, was man auch dafür tut. In der Praxis ist die Liebe in der Ehe dann auch v.a. Bindung und Sorge, auch wenn manche Menschen dies anders darstellen wollen. In den letzten Jahren gab es auch immer mehr Kritik ander Phantasie des eine Ehe lang andauernden Genusses an Sex. “Bleibt es schön im Bett?” fragte “VIVA”. “Sex nach Jahren noch spannend?” zweifelt “Opzij”. “Lieber gesellig kuscheln, Sex ist nicht mehr so wichtig” sagt “Vrij Nederland”.

 

Notwendigkeit

Die sexuelle Reform also auch noch Einiges zu tun. Einerseits bleibt für einige Menschen Aufklärung und Hilfe notwendig sodas sie so lange wie möglich vom Sex geniessen können, auch innerhalb der Ehe, andererseits müssen die Beschränkungen und evidenten Nachteile von Ehe, Kinderkriegen, sexueller Exklusivität und allem, was damit zusammenhängt, kritich betrachtet werden. Nur wenige können mit der Kombination von Freundschaft und sexueller Intimität mit mehreren Menschen umgehen. Fast immer ist Sprache von Verlassen oder sich verlassen fühlen, von Bosheit und Depression die zu Mord oder Selbstmord führen kann.
Die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie zeigen uns, dass die romantische Liebe keine Erfindung der Kultur ist, sondern seinen Ursprung in der Urzeit hat, in der das “Sich-an-eine-Person-binden” der Fortpflanzung der Art und der Sorge für die kleinen Kinder diente. Solange dieses sexuelle System besteht, ist Verliebtheit also etwas recht Primitives. Der Egoismus hiervon setzt sich im Egoismus der Familie fort, der Basis des Unrechts in der Gesellschaft ist.
Das “Erlöse uns von der Liebe” gilt also noch immer für die sexuelle Reform, die die Liebe erweitern will, die sexuelle Ordnung durchbrechen will und Aussicht auf eine Zukunft mit mehr Freiheit und Glück als die meisten Menschen jetzt haben, bieten will.
Aber inzwischen können wir natürlich von der Liebe, die uns zusteht, geniessen.

 

Dik Brummel

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