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Ist der biologische Unterschied zwischen Mann und Frau wichtig für unser Verständnis des Menschen?

 

Sehr wichtig, zumindest wenn man es auf lange Sicht betrachtet. Der Mensch hat eine Evolution von ein paar 100.000 Jahren hinter sich und die Unterschiede zwischen Männlichem und Weiblichem kann man noch weiter zurück verfolgen. Beim Menschen sind die (für den Menschen spezifischen) Geschlechtsmerkmale gut zu observieren und spielen eine grosse Rolle bei Gefühlen, Verhalten, Beziehungen und gesellschaftlichen Phänomenen.
Ich habe 1992 hunderte Bücher und tausende Artikel über Geschlechtsunterschiede auf jedem Gebiet des menschlichen Verhaltens und Gefühls inventarisiert.
Es gibt vom Moment an, dass das entstehende Mädchen sich in der Gebärmutter in einen Jungen verändert deutliche Unterschiede. Der Hormonhaushalt, die Verbindungen im Gehirn, der Körperbau, der Moment der Reife, überall dort findet man deutliche Unterschiede. Jungen und Mädchen haben unterschiedliche Vorlieben bei Spielzeug und Spielen und daran ändern Eltern wenig, im Gegenteil: sie stimulieren die Unterschiede. Sprachverhalten, Fürsorgeverhalten, Aggression, räumliches Denken, Einfühlungsvermögen, all diese Dinge sind unterschiedlich bei den Geschlechtern. Männer sind empfänglicher für Krankheiten, sind öfter hochbegabt oder dumm, haben weniger Selbstkontrolle, streben nach Macht, haben öfter ADHD, Alkoholismus, pathologische Eifersucht, sexuelle Paraphilien.
Natürlich sind diese Unterschiede statistisch, also nicht individuell gültig.

 

Man hört immer noch, dass Geschlechterunterschiede v.a. Folge von Erziehung, vom Lernen, vom kulturellen Einfluss, von der Gesellschaft etc und nicht von der Natur sind.

Fast alle psychologischen, soziologischen und kulturellen Theorien, die diese Geschlechterunterschiede erklären wollen (Konditionierung, Erziehung, Sozialisation, Medienmacht, Rollenmuster und Rollenmodelle, Frustration und Deprivation, <Sub>Kultur, Lernen von Szenarios und Scripts etc) versagen. Man hat noch keine Kultur gefunden in der z.B. Frauen mittleren Alters – oder eine andere soziale Kategorie- die Problemgruppe bildeten anstatt junger, adoleszenter Männer. Die einzige ausreichende und integrale Erklärung ist, meines Erachtens, eine evolutionäre, die die Geschlechterunterschiede funktionell erklärt als  Resultat verschiedener Reproduktionsstrategien und sexueller Auswahl.
Natürlich ist es möglich sich für all diese Geschlechterunterschiede verschiedene Erklärungen auszudenken (patriarchale Unterdrückung und männliche Verschwörungen sind in einigen Kreisen noch immer beliebt), aber für die Erklärung des Gesamtbildes alles Geschlechterunterschiede beieinander, wobei alle Puzzelstücke wie selbstverständlich auf die richtige Stelle fallen, kann man nur die evolutionäre Erklärung gebrauchen.

 

Ein Zitat aus der “Volkskrant” vom 5. März 2003: “Natürlich spielen biologische Determinanten eine Rolle, aber alles mit der Biologie erklären zu wollen ist eine sehr einseitige Betrachtungsweise’, sagt Sexologe Rik van Lunsen, der an das AMC verbunden ist. Um den biologischen Faktor zu relativieren, weist er darauf hin, dass 95% des Sex’ nicht auf Fortpflanzung gerichtet ist.”
Was finden Sie von diesem Meinung, die unter Sexologen zum Allgemeingut zählt?

Das illustriert einen der vielen Missverständnisse rund um den Begriff “Biologie”. Es ist doch sehr merkwürdig um zu behaupten, dass Sex zur Fortpflanzung “biologisch” ist, aber Sex zum Zeitvertreib nicht. Ich nehme an, dass Herr van Lunsen den Kehrpunkt zwischen Biologie und Nicht-Biologie bennen kann bei einer Frau die aus Versehen schwanger geworden ist. Dies ist nur ein Beispiel der krankhaften und verworrenen Konstruktionen die Menschen bereit sind zu machen um “das Biologische” zu negieren oder bagatellisieren.
Es ist immer das Gleiche – das alte Missverständnis dass wenn etwas sozial oder kulturell ist es dann nicht auch noch ein biologisches Phänomen sein kann. Alles menschliche Verhalten sind sowohl soziokulturell als auch biologisch zuverstehen, ganz einfach aus dem Grund, dass es sich um Deutungen handelt, die einander nicht ausschliessen obwohl viele (aber glücklicherweise immer weniger) soziale Wissenschaftler noch immer behaupten, dass es doch so ist.
In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war es unter Anthropologen ein geliebter Zeitvertreib um alles menschliche Verhalten und alle Kulturbezeugungen, die kleine kulturelle Varianten zeigten von der Kategorie “natürlich” oder “biologisch” in die Kategorie “kulturell” zu verschieben. Und da fast alles verschiedene kulturelle Spielarten hat, war letztendlich alles “kulturell beeinflusst”.
Die meisten Anthropologen haben selbst diese kindlichen Vergnügungen und unhaltbare Behauptungen aufgegeben, aber in z.B. der Soziologie gedeihen sie noch üppig.

 

Kann es sein, dass sich bestimmte kritische Menschen auflehnen gegen die biologischen Erklärungen, da “die Natur” von allen Seiten gepriesen wird als Art “Höhere Macht”, die alles gut geregelt hat und deren Gebote man also folgen muss?

Es ist noch eine weit verbreitete Idee, dass die Natur durch Gott oder eine andere wohltätige Intelligenz geschaffen wurde. Das kann karikaturale Formen annehmen. In der Werbung z.B. Ghiglieri nannte das vor Kurzem “Bambi-Biologie”: die Natur als sentimentaler Zeichentrickfilm von Walt Disney mit niedlichen Kaninchen und melancholisch dreinschauenden Hirschen, worin Männchen und Weibchen brav zusammenarbeiten um behagliche Familien zu gründen.
Es ist auch eine jahrhunderte alte Beschäftigung der Religionen gewesen, was “von Natur aus” gut und erlaubt und was schlecht und verboten war. Da  laut den Doktrinen der Religionen alles, was mit Sexualität zu tun hat vom Bösen durchtränkt ist, war automatisch aller nicht-prokreative Sex schlecht.
Ich habe probiert, mich in die Mensche hineinzuversetzen, die hieran Kritik haben. Aber ist sehr verquer um dann die ganze Evolutionsbiologie abzulehnen. Vielleicht haben die Menschen in ihrer Jugend gehört, dass der Platz der Frau “von Natur aus” der untergebene ist oder dass Homosexualität “von Natur aus” abnormal  und ekelerregend ist. Wahrscheinlich finden sie, dass auch eine Frau Düsenjägerpilot werden können muss und dass Homos auch das Recht haben, um zu heiraten und Kinder zu adoptieren und sie misstrauen sie darum allen Erklärungen aus der “Natur” und der “Biologie”. Und ich muss sagen: diese werden tatsächlich noch für konservative Zwecke gebraucht.

 

Aber wenn Frauen und Männer beide alles (machen) können, was sie wollen, im Prinzip also gleich sein, dann muss man also die Gesellschaft verändern und was bleibt dann noch über von der Bedeutung des sexuellen Unterschieds, über den wir zu Beginn gesprochen haben?

Nein, so ist das nicht. Ich probiere nur zu verstehen, dass einige sich gegen eine konservative und moralistische Interpretation des Begriffes “Natur” widersetzen. Männer und Frauen können sicher nicht das Gleiche und die Evolutionsbiologie lehrt uns, dass die Flexibilität der sexuellen Rollenverteilung sehr begrenzt ist, zumindest unter den bestehenden Bedingungen und Auffassungen rund um die Fortpflanzung. Darauf möchte ich beim nächsten Mal näher eingehen.
Die Biologen selbst haben in der Mehrzahl kein heiliges Bild von der Natur. Darwin schrieb einst einen Brief an einen Freund: “Was für ein grossartiges Buch würde der Kaplan vom Teufel schreiben können über die ungeschickte, verschwenderische, richtungslose, banale, abscheuliche Grausamkeit der Natur”. Diese Sichtweise stimmt meines Erachtens mehr mit der Wirklichkeit überein.

 

Dik Brummel in Gespräche mit Johan van der Dennen

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