tenderlovingcare

Verliebtheit und Liebe haben sich im Laufe der Evolution des Menschen als Funktion von Fortpflanzung und Sorge für die Nachkommen entwickelt.

 

Eine der bekanntesten Forscherinnen auf dem Gebiet von sexuellem Verhalten ist Helen Fisher. Ihr zufolge haben Vögel und Säugetiere (wozu der Mensch gehört) in ihrem Gehirn drei verschiedene emotionelle Zentren entwickelt, für Lust, Verliebtheit und Bindung. Das Lustzentrum treibt uns dazu, ein sexuelles Objekt zu suchen, das Verliebtheitszentrum bringt uns dazu, unsere Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Partner zu richten, mit dem wir ein Kind zeugen möchten. Die Bindung sorgt dafür, dass wir lange genug bei dem Partner bleiben um für junge Nachkommen zu sorgen. Jedes der drei Gehirnsysteme hat eine eigene neurale Struktur und produziert seine eigenen Gefühle und Verhaltensweisen. Lust fühlt sich anders an und lässt un sanders reagieren als Verliebtheit, die sich wiederum anders anfühlt und unser Verhalten beeinflusst als Bindung. Fisher behauptet, dass die Verteilung in diese drei Komponenten mit entsprechendem Gefühl und Verhalten einen evolutionären Vorteil hat für Tiere der höheren Klasse. Sich verlieben in einen Partner kann z.B. Zeit und Energie sparen, die Bindung kann zu Zusammenarbeit mit dem Partner zu Gunsten der Nachkommen führen.

 

Verliebtheit

Die Evolutionstheorie eignet sich also gut dafür, die Phänomene zu beschreiben, die wir aus Erfahrung kennen.
Nehmen wir nun die Verliebtheit: die geht nicht nur mit intensiven Lustgefühlen einher, sondern auch, wenn sie unbeantwortet bleibt, mit unbescheiblichem Schmerz und Verdruss. Verliebtheit ist aber keine Krankheit, wie oft behauptet wird, sondern – evolutionär gesehen – eine Anpassung, um zwei wildfremde Menschen in eine Situation zu bringen, in der sie sich paaren.
Männer, die verliebt sind, verfügen über geringere Mengen Testosteron, während man bei verliebten Frauen das Gegenteil feststellen konnte. Laut dieser Studie (die übrigens mit einer kleinen Anzahl Personen ausgeführt wurde) nähern die Geschlechter sich bei Verliebtheit, werden Männer weiblicher und Frauen männlicher.
Bei beiden Geschlechtern konnte ein Anstieg des Stresshormons Cortisol bemerkt werden, während die Menge Serotonin, das einen beruhigenden Effekt hat, niedrig war bei beiden Gruppen. Bei einer anderen Studie stellten die Wissenschaftler fest, dass bei Verliebten bestimmte Gebiete in ihrem Gehirn, die bei kritischer Beurteilung genutzt werden, stark unterdrückt wurden.
Die Evolution liefert die beste Erklärung für das Phänomen der Verliebtheit. Ohne Verliebtheit, mit nur Zuneigung und Freundschaft, wäre die Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern zu klein um gegen mögliche praktische Probleme gegenüber einer intimen Verbindung anzukommen. Die Fatamorgana, die die Neurotransmitter dem Gehirn vorspielen, untergräbt alle rationellen Zweifel hinsichtlich einer Beziehung und liefert genug Anziehungskraft, um zusammen zu bleiben bis die Kinder gross genug sind. Das alles sorgt dafür, dass man Verliebtheit evolutionär gesehen als produktive Eigenschaft  ansieht. Wer sich verliebt, bekommt mehr Nachwuchs.

 

Sorgende Liebe

Eine andere Möglichkeit ist es, von der am meisten gepriesenen Liebe, nämlich der der Mutter zu ihrem Kind, der sorgenden Liebe, auszugehen. Diese entstand mit der Klasse der Säugetiere (Mammalia), die vor ungefähr 75 Millionen Jahren aus den säugetierartigen Reptilien enstand. Säugetiere entwickelten neue Anpassungen wie Milchdrüsen, Brustwarzen und Prolaktin für das Regulieren der Milchproduktion. Dabei trat eine evolutionäre Erneuerung der ersten Ordnung auf: das Entstehen von Bindung zwischen Mutter und Kind. Die Mutter-Kind-Liebe ist also charakteristisch für Säugetiere. Laut vieler Evolutionsbiologen und Psychologen kann man alle anderen Formen von zärtlicher, sorgsamer Liebe (tender loving care) hiervon herleiten.
Das Sorgverhalten von Müttern wird im Gehirn reguliert durch einen kleinen Teil des Cortex. Eine Beschädigung dieses Teils verhindert die normale Entwicklung des versorgenden Verhaltens der Mutter. Dies konnte man in Tests mit Ratten beweisen. Der Neurotransmitter Oxytocin spielt hierbei eine zentrale Rolle. Oxytocin ist wahrscheinlich am bekanntesten wegen seiner Rolle bei der Geburt. Es verursacht sowohl die Wehen als sorgt auch für die Milchproduktion und es gibt auch Hinweise darauf, dass es mit verantwortlich ist für das Sorgverhalten von Müttern für ihre Kinder. Oxytocin ist laut einigen Forschern sogar der Stoff, um den es sich bei allen Formen sozialer Bindung dreht; nicht nur bei Mutter und Kind, sondern auch bei der Paarbildung von zwei Erwachsenen und bei Freundschaften. Das Hormon bildet sich bei verschiedenen intimen Reizen und Erfahrungen. So sorgt es dafür, dass Milch strömt, wenn eine Mutter ihr Kind säugt. Wer verliebt ist, produziert meht Oxytocin. Die Konzentration wird noch höher, wenn die Partner sich umarmen, streicheln oder sexuell befriedigen. Genau wie Oxytocin die sich entfaltende Mutterliebe im Gedächtnis einprägt, besiegelt das Hormon höchstwahrscheinlich auch das emotionelle Band zwischen sexuellen Partnern.

 

Väterliche Sorge 

Und so gibt es noch mehr Studien über den Metabolismus der Liebe. Bei väterlicher Sorge ist wahrscheinlich Vasopressin von Bedeutung (ist mit Oxytocin verwandt). Bei männlichen Wüstenratten führt Vasopressin zur Paarung. Testosteron stimuliert die Produktion von Vasopressin und dies ist vielleicht wichtig für die Bindung des Mannes an die Frau. Vasopressin spielt eine Rolle wenn der Mann der Frau sexuell gerichtet den Hof macht. Er markiert sein Territorium und es gibt Aggressionen zwischen Muannchen untereinander. Wenn man Vasopressin injektiert in den Teil des Gehirns, der bei einer gelungenen Kopulation eine Rolle spielt, dann bewachen sie ihr Territorium aktiv und markieren es. Vasopressin hat bei Männchen wahrscheinlich auch mit Eifersucht zu tun; nachdem sie sexuell aktiv waren, neigen Männchen dazu, um Eindrinlinge anzufallen, aber das geschieht nicht, wenn sie einen Vasopressinblocker bekommen haben. Vasopressin ist ausserdem direkt einbezogen beim sexuellen Verhalten der Männchen und auch während der sexuellen Aktivität scheidet die Hypophyse Vasopressin aus. Auch beim (menschlichen) Mann wird dieser Stoff kurz vor der Ejakulation in erhöhter Konzentration angetroffen.

 

Schlüsselrolle

Prolaktin scheint eine Schlüsselrolle zu spielen bei der elterlichen Sorge, merkwürdigerweise sowohl bei Mutter als Vater. Bei Arten, bei denen die elterliche Sorge im Laufe der Evolution entstanden ist, ist der Prolaktinspiegel bei Eltern höher als bei anderen Erwachsenen. Prolaktin nimmt also auch bei werdenden Vätern zu. Scheinbar ist die Anwesenheit und die enge Verbundenheit mit einem schwangeren Partner und Mutter/Kind ausreichend um für diese Zunahme von Prolaktin zu sorgen. Der Zusammenhang zwischen Prolaktin und Elternsorge ist sowohl bei Fischen, Vögeln als Säugetieren, inklusiv dem Menschen, zu finden. Bei Vögeln, die mehr oder weniger monogam sind (ca. 90%), kann man sowohl beim Vater als der Mutter eine Zunahme von Prolaktin beim Nestbau, Ausbrüten und Füttern der Jungen feststellen. Bei verschiedenen Arten (Löwen, Primaten) kann man wahrnehmen, dass Weibchen nicht-aggressive Männchen präferieren können und Zuneigung und sogar Zärtlichkeit wertschätzen können. Der Gedanke, dass man Elternsorge, Bindung und Inzestvermeidung als ein Totalpaket betrachten kann, für den wir den Ausdruck “Familienbande” gebrauchen, wurde in diesem Zusammenhang geäussert.

 

Dik Brummel im Gespräche mit Johan van der Dennen

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