mannsein:ausgewähltwerden

Warum hat der männliche Pfau so einen grossartigen Schwanz und warum führt das Laubenvogelmännchen einen so aussergewöhnlichen und komplizierten Liebestanz aus, fragte Darwin sich.

 

Diese recht nutzlos scheinenden Phänomene kann man nicht mit der natürlichen Auslese erklären, die er in seinem Hauptwerk “Der ursprung der Arten” (1859) ausgearbeitet hat. Die Lösung, die Darwin fand war: wenn die Männchen miteinander konkurrieren um sexuellen Zugang zu den Weibchen zu bekommen und wenn die Weibchen die Männchen beurteilen auf Grund bestimmter Merkmale und das beste, schönste, schnellste (oder was dann auch) Männchen auswählen um mit ihnen zu paaren: könnte das nicht die ganze Bandbreite von überflüssig scheinenden Organen und Verhaltensweisen von v.a. Männchen erklären?
In seinem zweiten grossen Werk “Die Abstammung des Menschen” (1871) arbeitete Darwin diesen Gedankengang weiter aus, der seitdem unter dem Begriff “sexuelle Auslese” bekannt geworden ist. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde diese Sichtweise von Biologen weiter erforscht und ausgearbeitet.

 

Wettkampf und Auswahl

Bei sexueller Auslese gibt es zwei Prozesse.
Als erstes gibt es einen Wettkampf zwischen Mitgliedern des gleichen Geschlechts um die Gunst der Mitglieder des anderen. Da diese Art der Auslese meist bei Männchen auftaucht, nennt man dies auch “männlicher Wettkampf”.
An zweiter Stelle steht das Prinzip der “weiblichen Auswahl”. Die Frau wählt bestimmte Mitglieder des anderen Geschlechts aus einem meist grossen Angebot aus.
Ein erster Schritt auf dem Weg zu einer wissenschaftlichen Untermauerung dieser Geschlechterunterschiede wurde vor einem halben Jahrhundert von dem britischen Genetiker Bateman gemacht. Auf Grund von Wahrnehmungen u.a. bei Fruchtfliegen stellte er die Hypothese auf, dass Männchen gerne und ohne viel zu unterscheiden wollen, während Weibchen au seiner passiveren Haltung heraus viel wählerischer sind was ihre Partner betrifft.

 

Elterliche Investition

Trivers hat 1972 Batemans Argumentation in allgemeineren Termen formuliert indem er von “elterlicher Investition” sprach. Der Mensch ähnelt hierin der Fruchtfliege.
Elterliche Investition ist alles, was Eltern in einen Nachkommen investieren, um die Überlebenschancen (und damit den reproduktiven Erfolg) ihres Nachkommen zu fördern. Eine Frau investiert mehr in ein Kind als der Mann, da sie eine relativ teure Eizelle liefert, neun Monate schwanger ist, monatelang oder sogar jahrelang das Kind stillt, versorgt und erzieht (mit oder ohne männlichen Partner).
V.a. bei Säugetieren im allgemeinen und bei Primaten, inclusive dem Menschen, gilt, dass Zeit und Energie notwendig sind
– um geschlechtsreif zu werden
– um einen Partner zu finden, ihn anzuziehen, zu erobern und/oder die Beziehung zu    unterhalten um Nachkommen bis zum Erwachsensein zu begleiten

 

Ihrem Schwanz hinterher

Dies verdeutlicht, warum Männer kaum mehr als ihr Sperma in ihre Nachkommen investieren und sich auf das Paaren beschränken. Nach der Befruchtung begeben sie sich fröhlich auf die Suche nach der nächsten Gelegenheit um jemanden zu verführen. Kein Wunder, dass (junge) Männer/Männchen vieler Arten “ihrem Schwanz hinterlaufen”: sie können mit jeder erfolgreichen Kopulation und Ejakulation ihren reproduktiven Erfolg vergrössern. Sogar bei relativ monogamen Arten – wie dem Menschen- ist die optimale männliche Reproduktionsstrategie eine Kombination von ehelicher Treue und ab und zu naschen, wenn sich die Gelegenheit bietet.
Die Frau dagegen interessiert v.a. ein möglichst guter Partner, der gute Gene und/oder Treue verspricht.
Der Streit zwischen den Geschlechtern, der hierdurch entsteht, ist ein permanentes Schauspiel von gegenseitiger Ausbeutung, Unterdrückung, Manipulation, Chantage, Betrug und Schwindelei. Wie man bei der Theorie der elterlichen Investition sieht: Männchen parasitieren bei den grossen Investitionen der Weibchen in ihre Nachkommen. Aber das ist noch nicht alles; der Streit spielt sich auf noch mehr Niveaus ab: Männchen gegen Männchen, Weibchen gegen Weibchen, Eltern gegen Kinder und Kinder gegen Eltern. Diese Sichtweise auf die sexuelle Gesellschaft als Beziehung gegenseitigen Misstrauens und Ausbeutung wurde v.a. von Trivers betont.

 

Absurd

Sexuelle Auslese ist also eine fundamentale Idee um das Verhalten von Tieren und Menschen zu verstehen. Ohne Zweifel können sekundäre Geschlechtsmerkmale, typisch weibliches und männliches Verhalten, Gefühl, Denkweise etc hierdurch erklärt werden.
Sexuelle Auslese kann die Logik natürlicher Auslese komplett untergraben. Sexuelle Auslese kann ein Merkmal oder Verhalten so übertreiben, dass es fast absurde Ausmasse annehmen kann. Man spricht dann von “runaway” Auslese.
Ein Beispiel hierfür ist der Schwanz des Pfaus. Auch ist er nicht überlebensnotwendig, im Gegenteil, wählen Weibchen doch das Männchen mit dem schönsten Schwanz aus und die weniger gut ausgestatteten Männchen pflanzen sich also nicht fort.
Die sexuelle Auslese bedeutet, dass Männchen sich zu promiskuösen Machos entwickelt haben, was zusammenhängt mit der weiblichen Vorliebe für dieses Verhalten.

 

Selbstsicher

Weibliche Wahl impliziert nicht, dass Weibchen passiv und keusch sind. Wenn Weibchen für ihre Nachkommen die besten Gene wollen, dann können sie untreu sein. V.a. Primatenweibchen haben ein aktives Sexleben und wählen ihre Partner selbstsicher aus. Bonoboweibchen gehören z.B. genau wie Frauen bei den Menschen zu den sexuell aktivsten Primaten und sie ergötzen sich an allen möglichen Formen nicht-reproduktiven Sexes. Auch die vermeintliche männliche Promiskuität bedeutet nicht, dass sie keine Vorlieben haben. Es spielt bei beiden Geschlechtern eine Rolle, ob es um das Finden eines Partners für kurze Zeit oder für längere Zeit handelt. Bei letzt genannten Männchen/Männer wahrscheinlich genau so wählerisch wie Weibchen/Frauen.
Mehrere Kopulationen mit verschiedenen Männchen können dazu dienen, die besten Gene auszuwählen, um potentielle Ernährer als Reserve zu haben und um das Töten von Jungen zu verhindern.
Denn wenn Männchen/Männer denken, dass das Kind von ihnen ist, sorgen sie besser für es.

 

Dik Brummel in Gespräche mit Johan van der Dennen

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