dasentstehenvonsex

Aus der Sicht des Evolutionsbiologen ist Sex an erster Stelle “mixis”, die Vermischung genetischer Eigenschaften zweier Individuen unterschiedlichen Geschlechts, woraus ein neues Individuum entsteht. Das neue Individuum ist eine Rekombination.

 

Was verstehen Sie unter Sex oder Sexualität?

Sex ist also wie das Schütteln eines Kartenspiels, was immer wieder zu neuen Kombinationen führt.
Sex hängt mit Fortpflanzung zusammen, aber in der Natur muss die beiden unterscheiden. Reproduktion findet in der Natur am häufigsten ohne Sex statt. Einzeller, wozu auch die Zellen unseres Körpers zählen, teilen sich einfach in der Mitte. Die Tochterzellen sind dann mit der Mutterzelle identisch.
Aber bei den meisten höheren Organismen ist Sprache von Sex: die Verschmelzung zweier Geschlechtszellen (Samenzelle und Eizelle) zu einer neue Zelle. Hiermit zusammen hängt, dass die Geschlechtszelle einen Satz Gene enthält und alle anderen Zellen des Organismus’ zwei. Beim Menschen enthält die Geschlechtszelle 23 Chromosomen (Genbündel) und allen anderen Zellen enthalten 46. Typisch für sexuelle Fortpflanzung ist also die Abwechslung im Lebenszyklus. Erst kommt eine Phase, in der die Zelle einen Satz Gene enthält (wir nennen das das haploide Stadium), dann kommt eine Phase mit einem doppelten Satz Genen (die diploide Phase), dann kommt wieder eie haploide Phase, dann wieder eine diploide etc etc.
Sex hängt oft auch mit Geschlecht zusammen und dann mit einem deutlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Männchen produzieren viele kleine, nicht sehr nährungsreiche, bewegliche Samenzellen und Weibchen wenige grosse, relativ immobile und nährstoffreiche Eizellen. Mann und Frau sind biologisch zu definieren als Sperma- und Ovumproduzenten.

 

Wie ist das Sexuelle eigentlich entstanden?

Die Fusion und Rekombination von Geschlechtszellen verschiedener Individuen ist eine umständliche, Energie kostende und von potentiellen Problemen und Interessenkonflikten durchtränkte Prozedur. Und trotzdem tun die Blumen, Bienen und Menschen es. Niemand weiss eigentlich warum.
Die Evolution des Sex’ ist immer noch ein Rätsel. Seit den 70er Jahren ist dies eins der zentralen Probleme der Evolutionsbiologie. Die Frage ist eigentlich, warum die Nachteile/Kosten/Lasten des Sex’ schwerer wiegen als die Vorteile der nichtsexuellen Fortpflanzung.
Die Nachteile des Sex’ sind z.B. die Zeit und Energie, die es kostet um einen Paarungspartner zu finden. Und wenn man dann einen geeigneten Partner gefunden hat, dann benötigt man meist allerlei Rituale, um beide in die richtige Stimmung zu bringen.
Bei Arten mit inner Befruchtung muss man dann noch komplizierte Handlungen verrichten um die Sexzellen des einen Individuums mit der des anderen verschmelzen zu lassen. Ein wichtiger Nachteil der sexuellen Fortpflanzung ist die Produktion van Männchen.
Eine Zelle, die sich selbst teilt, liefert Nachkommen, die 100% identisch sind mit der Mutter und die 100% weiblich sind. Bei sexueller Reproduktion sind die Nachkommen nur zu 50% weiblich und sind nicht mehr identisch mit der Mutter. Wir sprechen hier vom “doppelten Nachteil von Sex”.
Die Frage nach dem ursprung des Sex’ ist also eigentlich auch die Frage, warum man Männer überhaupt “erfunden” hat.
Von der Perspektive des asexuellen (weiblichen) Organismus’ aus sind Männer nicht nur total überflüssig, sondern auch noch gefürchtete Nahrungskonkurrenten.

 

Aber scheinbar gibt es auch Vorteile?

“Let copulation thrive” (“Fick drauf los!”), rief König Lear bei Shakespeare und das ist tatsächlich das, was in der Inszenierung der Evolution geschah. Viele einzellige Organismen und ungefähr alle multizelluläre Organismen haben ungefähr 850 Millionen Jahre Sex.

Abe res bleibt undeutlich, wie es anfing. Schliesslich waren die Organismen, die sich nicht geschlechtlich fortpflanzten als erstes da. Es entstehen übrigens ständig neue asexuelle Arten. Es ist aber so, dass jene innerhalb kurzer Zeit auf der evolutionären Zeitskala wieder aussterben. Die Frage ist also, wie die sexuelle Fortpflanzung entstanden ist. Momentan gibt es dafür 4 mögliche Erklärungen:

  • Sex hat zu Beginn nichts mit Reproduktion zu tun, sondern mit dem Austausch und der Reparatur von DNA. Erst viel später in der Evolution entstand die Zweiteilung in Geschlechter und damit die geschelchtliche Fortpflanzung und dem daraus entstehenden “Kampf der Geschlechter”.
  • Sex ist dadurch entstanden, dass es notwendig wurde, neue Genkombinationen zu schaffen als Adaption an eine veränderte Umgebung. Wenn Nachkommen exakte Kopien ihrer Mutter sind, dann ist der Nachteil, das seine grosse Anzahl Krankheitserreger und Parasiten nur auf sie zu warten scheinen, die sich schon im Vorfeld an sie angepasst haben. Sex sorgt für Diversifikation und dadurch für eine bessere Resistenz. Auf diese Weise wird ein “koevolutionärer Waffenwettlauf” zwischen Gastgeber und Parasit genährt: innerhalb der Gastegeberart findet Evolution statt in Richtung grösserer Resistenz und innerhalb der Parasiten findet Evolution statt in Richtung grösserer Virulenz. Dieser Gedankengang ist bekannt geworden unter dem Namen “Red Queen”-Hypothese. genannt nach der rotten Königin aus Alice im Wunderland, die sehr schnell rennen muss um an der gleichen Stelle zu bleiben.
  • Genetische Rekombination ermöglicht eine effizientere Entfernung schädlicher genetischer Mutationen. Sexuelle Fortpflanzung ist in dieser Vision also eine Möglichkeit, schädliche Mutationen zu entfernen, indem die Schwächlinge, in denen sie sich befinden, direkt mit einem Mal aufzuräumen.
  • Sex evoluierte als Folge einer zufälligen Mutation. Sowie der Primatologe De Vore formulierte: “Das männliche Geschlecht ist ein evolutionäres Experiment, das vom weiblichen Geschlecht ausgeführt wurde”.

 

Welche der Erklärungen spricht Sie am meisten an?

Alle diese Ideen sind etwas wert und schliessen einander nicht aus. Zusammen erklären sie die verschiedenen Aspekte von Sex und Reproduktion.
Forschung unterstützt v.a. die DNA-Reparatur und die Red-Queen-Hypothese. Aber hinter und unter Sex und Fortpflanzung befindet sich ein noch fundementelleres und rätselhafteres Phänomen, nämlich die Evolution von Anisogamie, dem Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Fortpflanzungszellen. Darüber möchte ich beim nächsten Mal sprechen.

 

Dik Brummel in Gespräche mit Johan van der Dennen

Share this page