dasentstehendergeschlechter

Hinter dem Phänomen Sex verbirgt sich die Differenzierung der Geschlechtszellen, die Tatsache, dass weibliche und männliche Zellen sich voneinander unterscheiden und die nach einer Vereinigung streben.

 

Sie erwähnten, dass sexuelle Fortpflanzung einst entstanden ist trotz der Tatsache, dass dies mit höheren “Kosten” verbunden ist: die Produktion von Männchen, die Zeit und Energie, die notwendig sind um einen Partner zu finden, die Rituale um beide in die richtige Stimmung zu bringen, die mordende Konkurrenz der Geschlechtsgenossen und schliesslich ei den weiblichen Individuen der Säugetiere die enormen Kosten, die mit Schwangerschaft, Geburt, Stillen, jahrelanger Abhängigkeit der Nachkommen, Erziehung etc verbunden sind. Biologen haben also angefangen, ernsthaft darüber nachzudenken, wie das Sexuelle eigentlich entstanden ist.

 

Hinter dem Phänomen Sex verbirgt sich die Differenzierung der Geschlechtszellen, die Tatsache, dass weibliche und männliche Zellen sich voneinander unterscheiden und die nach einer Vereinigung streben.

Wir sprechen von Anisogamie, dem Zusammenkommen; wörtlich übersetzt dem Heiraten/Treusein (gamie) von nicht-gleichen (iso) Zellen.
Bei Isogamie kann man die Fortpfanzungszellen verschiedener Paarungstypen nicht voneinander unterscheiden. Sobald es sich aber um An-isogamie handelt, können wir zwischen männlichen und weiblichen Fortpflanzungszellen (“gameten”) unterscheiden.

 

Hier liegt also der Ursprung der Mann-Frau-Unterschiede. Wie ist die Anisogamie eigentlich in der Evolution des Lebens entstanden?

Dafür gibt es ein paar Erklärungen. Wir gehen davon aus, das ursprünglich alle Gameten (Fortpflanzungszellen) einer Bevölkerung ungefähr gleich gross waren, da es zu der Zeit noch keinen Geschlechterunterschied gab. Die Fortpflanzung geschah über Isogamie, dem Einswerden gleicher Gameten. Wie entstanden dann auf der einen Seite die kleinen und beweglichen Gameten, die wir als Samenzellen bezeichnen und auf der anderen Seite die grossen, trägen, nährstoffreichen Gameten, die wir als Eizellen bezeichnen?
Eine Erklärung ist, dass dies das Ergebnis zweier entgegengesetzter Tendenzen natürlicher  Auslese ist. Der niederländische Genetiker Hoekstra (1997) erklärt dies folgendermassen: die natürliche Auslese fördert eine höhere Produktion von Nachkommen. Ein Individuum, dass für mehr Gameten sorgt als andere, hat auch mehr Nachkommen.
Aber die natürliche Auslese begünstigt auch grosse Gameten gegenüber kleineren, da die Lebensfähigkeit mit der Grösse zunimmt. Grosse Zellen benötigen aber auch mehr Nahrung, auch Reservenahrung, um keimen und wachsen zu können. Diese muss also irgendwoher kommen, also wird die Produktion kleiner. Es gibt also zwei entgegengesetzte Tendenzen: je höher die Produktion von Gameten, je kleiner sie sind und je grosser sie sind desto kleiner die Anzahl. Die Frage ist natürlich, wann dieses Phänomen began aufzutreten, mit anderen Worten wann die sexuelle Fortpflanzung entstand. Die Modelle suggerieren, dass Anisogamie irgendwann vorteilhafter wird als Isogamie. Das ist der Fall, wenn das Verhältnis zwischen Masse und Überlebenschance einen bestimmten Wert übersteigt.
An einem bestimmten Punkt in der Evolution – vor ungefähr einer Milliarde Jahren – entstand also so eine Situation. Von einer Normalverteilung können nur die extremen Formen selektive Vorteile haben und nicht die Zwischenformen.
Die Normalverteilung wird also flacher und darauffolgend in der Mitte eingedrückt. Die natürliche Auslese fördert diejenigen, die sich spezialisieren in entweder wenige grosse, relativ unmobile und nahrungsreiche Gameten (Eizellen) oder aber viele kleine, nahrungsarme und bewegliche Gameten (Samenzellen). Die Letztgenannten werden immer mehr dazu neigen, mit den Ersteren zu parasitieren.

 

Männchen als Parasiten?

Die evolutionären Folgen von Anisogamie sind eingreifend und spektakulär. Wenn einige Individuen ihren Sexzellen mehr Nahrung geben als lebensnotwendig ist, können andere Individuen einen hohen Fortpflanzungserfolg realisieren indem sie Geschlechtszellen produzieren, die weniger Nahrung enthalten als notwendig ist und diese dann mit den nahrungsreichen verschmelzen lassen. Natürlich entsteht in so einem Fall ein enormer Konkurrenzkampf unter den Samenzellen.
Weibliche Individuen investieren pro Nachkommen mehr als Männchen. Eine Eizelle ist relativ teuer, eine Spermazelle oder eine Polle ist verglichen mit einer Eizelle recht günstig. Da die Menge der Samenzellen die der Eizellen deutlich übersteigt, wird nahezu jede Eizelle befruchtet und so in einem neuen Nachkommen landen, aber dies geschieht nur mit einem kleinen Teil der Samenzellen. Es entsteht also unter der Samenzellen (und schliesslich den Samenzellenproduzenten) einen Kampf, wer die Befruchtung ausführen darf.
Eizellen (und Eizellenproduzenten) haben diesen Wettkampf nicht. Sie haben aber mit Qualitätsdiskrimierung zu tun. Die erste Samenzelle ist nicht immer die beste und es ist wichtig, erst die Qualität des Spermas zu testen bevor man sich befruchten lässt.
Lese hierzu auch die Basisprinzipien der sexuellen Auswahl, so wie sie Charles Darwin bereits vor 150 Jahren erkannte: männlicher Wettkampf (um Zugang zu weiblichen Individuen zu bekommen) und weibliche Auswahl der besten Männchen. Durch sexuelle Auswahl sind im Prinzip fast alle Mann-Frau-Unterscheide entstanden, sowohl im Bau und in Funktion als auch im Denken und Verhalten.
Eine andere spektakuläre Folge der Aniosgamie ist, dass männliche Individuen nicht sehr selektiv und diskriminierend mit ihren Geschlechtszellen umzugehen brauchen. Sie können es sich in vielen Fällen erlauben, mit einer “auf-gut-Glück”-Strategie vorzugehen und Millionen Samenzellen auf alles, was auch nur weiblich erscheint loszulassen. Sie haben ausserdem eine sehr niedrige Geilheitsschwelle wodurch die Evolution dafür sorgt, dass keine Chance zu kopulieren und zu inseminieren verpasst wird.

 

Gilt dies auch für den Menschen?

Der Mensch ist auch ein Naturwesen. Selbstbefriedigung und Homosexualität kommen bei vielen Tierarten (und bei beiden Geschlechtern) vor, und auch die unglaublichsten sexuellen Eskapaden und bizarresten Verhaltensweisen. Dabei kann man aber deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen erkennen.
Die männlichen Paarungsstrategien haben ein breiteres Spektrum als die weiblichen reproduktiven Strategien, einfach schon wegen dem Prinzip weiblicher Auswahl. Männchen (bei den Tieren) mussten sich immer schon anpreisen um die wählerischen Weibchen zu überzeugen, dass sie geeignete Samenspender sind. Sie konnten es sich ausserdem nicht erlauben, auch nur eine Gelegenheit um zu kopulieren zu verpassen. Alles was dazu beitragen konnte, dem Männchen Zugang zu einem oder mehreren Weibchen zu verschaffen, wurde im Laufe der Evolution selektiert. Männchen haben darum auch Paarungsstrategien entwickelt, die teilweise auf brutaler Kraft und Gewalt beruhen und teilweise auf Arglist und Betrug und teilweise auf Sorge und väterlichen Investitionen. Den Genen des Männchens ist damit gedient, sich bei jeder Gelegenheit zu paaren sogar wenn das auf Kosten des eigenen Überlebens geschieht. Die ist die so genannte “Sex-oder-Tod”-Strategie von Männern.
Alles, was in der Natur geschieht, ist logischerweise “natürlich”. Begriffe wie “normal” oder “abnormal”, “Abweichung”, “Perversion”, “Paraphilien” und andere moralische Kategorien haben in der evolutionären Biologie keine Bedeutung und sind komplett irrelevant.
Das ist ein interessanter Standpunkt, auf den wir beim nächsten Mal noch weiter eingehen müssen. Denn wenn die evolutionäre Biologie auch menschliches Verhalten erklärt, dann hat das Konsequenzen für unsere Ideen über uns selbst und unsere Gesellschaft. Und das Sexuelle spielt dabei scheinbar eine zentrale Rolle.

 

Dik Brummel in Gespräche mit Johan van der Dennen

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