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In der Periode von 2002 bis 2004 wurde eine groß angelegte Forschung nach Familienbanden in den Niederlanden durchgeführt. Fast 10.000 Menschen wurden ausführlich persönlich und schriftlich hinsichtlich ihrer Familienbeziehungen befragt. Wie sieht es damit im Moment eigentlich aus?

 

selbstverständliche Rollenverteilung 

Es gab eine Zeit – ungefähr vor 35 Jahren zum letzten Mal – dass die Ehe und die Familie stark kritisiert wurden. Die selbstverständliche Rollenverteilung und die Position der Frau im Haus, die Scheinheiligkeit rund um die Ehe, die erstickende Spießbürgerlichkeit des Familienlebens, die psychische Verstümmelung der Kinder („they fuck you up, your mum and dad“), die Macht des Glaubens und repressive sexuelle Moral: all dies schienen Aspekte der heiligen Dreieinheit Hetero, Ehe und „happy family“ zu sein. Nach einiger Zeit verebbte diese Kritik dadurch dass es nicht wirklich eine ausführbare Alternative gab. Bewusst unverheiratete Mütter, Wochenendbeziehungen, Kommunen, all das waren Versuche und Randerscheinungen. Obwohl viele die Kritik an der Familie teilten, siegte ihr eigenes Verlangen nach einem Kind und einem Partner und die sexuelle Struktur blieb so wie sie war. Man ging diesem Thema nach einiger Zeit auch aus dem Weg. In der Soziologie und ihren Nachbardisziplinen tat man einige Zeit so, als ob es die Familie nicht mehr gäbe oder sie bald zu existieren aufhören würde, sodass man sich auch nicht mehr die Mühe machte, sich diesem Thema zu widmen. Die Idee, dass die Familie der Stützpfeiler der Gesellschaft ist wurde mit einem verschmitzten Lächeln zurückgewiesen als eine Art Überbleibsel des veralteten christlichen Denkens. Aber gleichzeitig wurde dadurch auch die fundamentale Kritik an der Familie mundtot gemacht.

 

Zahlen

Man benutzte die Daten einer Bevölkerungsuntersuchung als Beweis für das Verschwinden der Familie:

  • die große Zahl Alleinstehender (3 Millionen in den Niederlanden)
  • das unverheiratet Zusammenwohnen
  • die einfache Scheidung ( 1 von 3 Ehen)
  • alternative Beziehungsformen und Homosexualität
  • die Pille und die freiwillige Kinderlosigkeit

Sexuelle Ungleichheit verschwand, so sagte man, auch ganz von selbst dadurch dass sich die Gesetze auf dem Gebiet des Arbeitsrechtes, der Elternzeit, der positiven Diskriminierung und der Kindertagesstätten änderten.
Und die sexuelle Moral, so sagte man auch, war bereits liberalisiert, die Sittengesetze gab es nicht mehr, alles war möglich und erlaubt. Diese letzte Ansicht wurde und wird auch jetzt noch gegen die sexuelle Reform im Allgemeinen und der NVSH im Besonderen angeführt. „Es gibt doch nichts mehr was man reformieren kann auf sexuellem Gebiet?“ sagt jemand dann.

 

Gegenbewegung

Es gab auch eine Gegenbewegung. Die Familie ist natürlich niemals wirklich weg gewesen, sie wurde bloß stark kritisiert und dann tot geschwiegen. Von konservativen Kreisen aus wurde sowohl die heftige Kritik an der Familie als auch die Unterbelichtung bekämpft und dies geschah immer stärker und mit immer mehr Erfolg, auch auf politischem Niveau. An diesem Punkt setzte die CDA an: die Familie im Rahmen von Normen und Werten. Die Edmund-Burke-Stiftung, welche sich hinter der neuen rechten Partei von Wilders verbirgt, stellte von Anfang an die Familie in den Mittelpunkt. Genauso stark haben Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeiter, also alle, die mit Familienproblemen zu tun haben, immer mehr betont, wie wichtig ein gutes Familienleben ist. Und dies ging Hand in Hand mit der immer lauter werdenden Kritik an „schlechten Familien“. Misshandlung von Frauen und Kindern als gesellschaftliches Übel wurde erneut zum Thema.

 

Umkehrung

Die Gesellschaftskritik wurde also umgedreht: nicht die Familie, sondern das Auseinanderfallen der Familie, so wurde behauptet, war Schuld an der Unterdrückung der Frauen, am Leiden von Kindern, Einsamkeit, Drogenabhängigkeit, Selbstmord, Prostitution, Individualismus, Egoismus, sexuellem Missstand, Kriminalität, Unsicherheit, dem Auseinanderfallen der Gesellschaft.
Die Restaurierung der Werte der Familie, der „familiy values“, formte das Fundament des neuen Konservatismus unserer Zeit und passt auch zu dem Anti-Islam-Gefühl. Frauen- und Kindermisshandlung, zum Beispiel, werden aus den patriarchalischen Verhältnissen der Religion heraus erklärt, in welcher Gott ein Mann, der Vater der Boss und Vergeltung eine heilige Pflicht ist. Das neue rechte Denken richtet ihre Kritik aus ethnischen Motiven auf den Islam. Dies wird dann also mit „schlechten Familien“ assoziiert. Und das, obwohl gerade die islamitisch Gläubigen von ihren geistlichen Führern zu hören bekommen, dass die Familie das Wichtigste ist und das gerade die westliche Kultur mit seiner sexuellen Rollenverwirrung, einer lockeren Familienmoral, Scheidungen, unverheiratetem Zusammenwohnen, Untreue, sexuelle Abweichungen, öffentlicher Pornographie und Prostitution die Verlotterung des Mannes, die Missachtung der Frau und den Missbrauch von Kindern auf dem Gewissen hat.

 

Forschung

So eine Atmosphäre schreit nach Forschung. Und diese wurde in großem Rahmen im NKPS (Netherlands Kinship Panel Study) unter der Leitung von Professoren der Universitäten von Amsterdam, Utrecht und Tilburg und unter Mitarbeit vom Nidi (Institut für Bevölkerungsuntersuchung in Den Haag) durchgeführt.
Ihre Resultate zeigen, dass sich die Familienstruktur in den Niederlanden gar nicht so stark verändert hat wie oft angenommen wurde.
Familienbeziehungen sind noch immer eng. 90% der Befragten beschreibt den Kontakt zur Familie als gut. Es sind noch immer die Töchter und Mütter, die sich mindestens einmal die Woche sehen und die Zügel der Familie in der Hand haben. Man wohnt immer noch nicht mehr als 30 Kilometer von einander entfernt. Man feiert Weihnachten und das Opferfest gemeinsam. Fast alle haben Kinder mit einem Partner. Eltern und Kinder zwischen 18 und 30 Jahren helfen einander finanziell, bei Reparaturen im Haus, Hausarbeiten und mit der Sorge für Kinder und Kranke. Die weniger schönen Dinge sind auch nicht verschwunden: es gibt noch immer „schwarze Schafe“, die den Kürzeren ziehen, wie z.B. unverheiratete Mütter. Enge Familienbeziehungen und gesellschaftlicher Erfolg gehen immer noch Hand in Hand.

 

Ausländer

Vergleicht man Einheimische und Ausländer, sieht man, dass Ausländer noch engere Familienbeziehungen haben. Man muss immer auf Familienmitglieder zählen können und man muss sich um sie kümmern auch wenn man sie nicht mag. Kinder müssen für ihre kranken Eltern sorgen, ältere Menschen müssen bei ihren Kindern wohnen können. Bei all diesen Fragen erreichen ausländische Mitbürger höhere Werte, wobei Türken und Marokkaner ganz oben an der Liste stehen.
Kurt zusammengefasst: Familienbeziehungen sind noch genau so eng wie früher. Es gibt natürlich kleine Verschiebungen. So sind informelle Beziehungen mehr geworden, dadurch dass man zusammenwohnt und auch durch Scheidungen, wodurch Familienbeziehungen komplexer geworden sind. Bei 20% der Niederländer stimmt der bürgerliche Stand mit der tatsächlichen Partnerbeziehung nicht überein.

 

Andere Forschung

Was ist nun der Unterschied zwischen dieser Forschung und den Statistiken, welche stets vom „Centraal Bureau voor Statistiek“ (zentrales Büro für Statistiken) geführt werden und anderer Bevölkerungsuntersuchung?
Ein Beispiel kann dies verdeutlichen: aus Statistiken vom CBS geht hervor, dass eine von drei Ehen geschieden wird. Das finden wir viel (wobei der eine dadurch einen „neuen Trend“ und ein anderer eine gesellschaftliche Zerrüttung sieht). Aus dieser neuen NKPS-Forschung, welche nicht basiert ist auf Statistiken individueller Ereignisse, sondern wo geschaut wird, wie Menschen ihre Familie erleben, geht hervor, dass nur einer von neun Menschen eine Scheidung erlebt. Und das finden wir nicht viel. Also braucht man sich auch viel weniger Sorgen über unsere moderne Welt zu machen.
Das ist natürlich auch ein Beispiel dafür, wie sich die Verschiebungen in der sozialen Wissenschaft selbst vortun. Diese Forschung wird auch noch auf Teilgebieten weitergeführt. So kann man z.B. nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen unverheirateten und verheirateten Paaren schauen.

 

Beschränkung

Man kann vorhersagen, dass die Familie noch lange bestehen bleiben wird und dass es vorübergehend nur kleine Verschiebungen geben wird. Die Familie gibt es schon lange, ist tief in uns verankert und hat mehr gesellschaftliche Bedeutung als eine soziologische Forschung kann oder darf aussagen.
Die Beschränkung dieser Forschung ist also, dass sie innerhalb der Familie bleibt. Genau wie im Film und im alltäglichen Gespräch wird auch in dieser Forschung die Familie mehr oder weniger apart vom Rest der Welt betrachtet. Die Familienbeziehungen äußern sich überwiegend in einer guten, sicheren, hilfreichen und liebevollen Atmosphäre, welche sich mitten in einer „Außenwelt“ befindet, voll von Unsicherheit, Gefahr, Kriminalität, Macht, Rassismus, Ausbeutung, Verschmutzung, Krankhaftigkeit, Umweltverschmutzung und Krieg befindet.

 

Fundament

Tatsache ist, dass die Familie sowohl das Fundament für schlimme Dinge als auch für die guten ist. Und das ist schwierig zu erkennen. Die Familie ist überall primär eine Überlebensmaschine. Für die Familie tut man alles: sich abrackern, plündern, rauben, lügen, betrügen, Wälder abholzen und Meere leer fischen. Die Familie als Institut ist asozial. All die einzelnen Familien, die nur oder v.a. Beziehungen untereinander haben, halten die Welt gefangen in einem recht primitiven Kampfschauplatz, an dem Unrecht und Krieg zu finden sind.
Aber eine groß angelegte, subventionierte und wissenschaftlich verantwortbare Forschung nach diesen großen Zusammenhängen lässt wohl noch auf sich warten.

 

Dik Brummel

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